Memorial Week, Wie das Morden zum Alltag wurde, Teil III

Heute folgt der letzte Teil über Genozid in Ruanda. Ich hoffe, ihr habt den gestrigen Beitrag gut verarbeitet.

Versagen der Internationalen Gemeinschaft

Wie konnte es dazu kommen, dass monatelang Menschen sterben mussten, obwohl doch die UN im Land war? Zunächst: Die Mission in Ruanda war als reine Beobachtermission entsandt. Das bedeutet, sie durfte Waffen nur im Fall der Selbstverteidigung einsetzen. Rechtlich sind alle Mitgliedstaaten der UN verpflichtet, bei einem Völkermord einzugreifen. Gerade deshalb drückten sich Regierungssprecher 1994 davor, das Morden als Genozid zu bezeichnen. Da war zum Beispiel in den USA die Rede von „acts of genozide“ anstelle von Genozid. Gerade die USA hatten 1993 erst ein Trauma in Somalia erlitten, bei dem sie wären einer UN-Mission Hubschrauber und mehrere Soldaten verloren. Die Bereitschaft für ein Eingreifen irgendwo in Afrika war nicht vorhanden. bereits 1993 übermittelten die Blauhelme in Ruanda an den Verantwortlichen der Blauhelmmissionen der UN, den späteren Generalsekretär Kofi Annan, Berichte über bevorstehende Ereignisse erheblichen Ausmaßes mit der Bitte um eine Erweiterung des Mandats und Verstärkungen. Das war politisch nicht gewollt. Bittere Ironie: 1994 saß Ruanda als gewählter Vertreter im UN-Sicherheitsrat.

Noch heute wird Ruanda als Beispiel für Versagen der UN genannt. Regelmäßig taucht es in Diskussionen um militärische Interventionen auf, zuletzt bei der Debatte um einen Einsatz in Syrien. Ein Staat aber hat reagiert und eingegriffen: Frankreich. Frankreich war seit der Unabhängigkeit Schutzmacht Ruandas, das durch die belgische Prägung frankophon war, Französisch war also Staatssprache neben Kinyarwanda. Frankreich ging es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts massiv darum, seine Einflüsse in Afrika zu wahren. Uganda und Tansania waren dagegen als ehemalige englische Kolonien englischsprachig – und damit auch die zu großen Teilen dort aufgewachsenen Rebellen der RPF, deren Eltern mit ihnen einst aus Ruanda flohen. Wie schon erwähnt war das ein Grund, warum Frankreich sich 1991 schon gegen den Einmarsch der RPF stellte.

Bereits in den 80ern hatten französische Militärs das ruandische Militär ausgebildet und -gerüstet. Doch nicht nur das: Auch die faschistische Völkermordmiliz Interahamwe wurde von französischen Soldaten mit ausgebildet. 1994 war es dann auch Frankreich unter Präsident Mitterand, das die „Operation Schildkröte“ startete. Erneut landeten im Juni französische Fallschirmjäger in Ruanda. Sie errichteten eine „Schutzzone“, die entmilitarisiert sein solle. Inzwischen war die RPF weit ins Landesinnere vorgestoßen und wurde in ihrem Vormarsch nun von genau dieser Schutzzone aufgehalten. So ging im Südwesten des Landes der Genozid noch einige Zeit weiter und zahlreiche Mörder konnten über diese Zone in den Kongo fliehen, wo internationale Helfer Flüchtlingslager errichteten.

Diese Lager standen schon bald unter der Kontrolle der Hutu Power Bewegung, die scheinbar ohne Probleme auch Waffen in die Lager schaffen und dort mit den internationalen Hilfsgütern ihr faschistisches Staatssystem wieder aufbauen konnte. In den Folgejahren fanden immer wieder Übergriffe aus diesen Lagern auf ruandisches Gebiet statt, bei denen immer wieder Tutsi ermordet worden.

Frankreich hat eine massive Schuld auf sich geladen, zu der sich die französische Regierung nie bekannt hat.

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Memorial der Belgischen UN-Soldaten, die erschossen wurden (Quelle: Flickr)

Folgen des Genozids bis heute

Die erwähnten Übergriffe aus den Lagern im Ostkongo führten 1997 zum ersten Kongokrieg, in dem Ruanda – inzwischen von der RPF regiert – dort einmarschierte, um eben jene Lager aufzulösen. Doch der Geist des Völkermords lebt im Ostkongo bis heute. Die FDLR (Demokratische Kraft zur Befreiung Ruandas) erhielt durch den Prozess in Stuttgart etwas Aufmerksamkeit, dürfte den meisten aber unbekannt sein. Sie gründete sich im Ostkongo an der Grenze zu Ruanda aus geflohenen Mördern des Völkermords und beging dort Verbrechen im Stil von 1994. Ihr erklärtes Ziel war es, jeher nach Ruanda zurückzukehren. Vor diesem Hintergrund mag es kaum überraschen, dass Ruanda ein erhöhtes Interesse an der politischen Entwicklung im Ostkongo hat und auch nicht davor zurückschreckt, Rebellen zu unterstützen, die sich als Verteidigung gegen die FDLR gegründet haben. Bis heute sind die Völkermörder und ihre neuen Rekruten im Ostkongo aktiv und dort massive Kräfte bei der Störung des Friedens. Die Zahl der aktiven FDLR-Kämpfer schwankt zwischen 1-3000.

Und Ruanda heute? Nach dem Sieg der RPF kehrten viele der über die Jahrzehnte geflohenen Tutsi zurück. Große Rachemassaker blieben aus, Ruanda ging durch einen schweren Prozess der Aufarbeitung und Verarbeitung und ist heute sehr stabil. Sein wirtschaftlicher Aufschwung gilt vielen als Musterbeispiel für eine friedliche afrikanische Entwicklung. Unter Kagame herrscht zwar ein autokrater Kurs, doch der innere Frieden ist sichergestellt. In Ruanda gibt es weniger Armut als in den Nachbarländern und Kigali ist eine der wenigen ostafrikanischen Metropolen, in denen Kriminalität kein massives Problem darstellt. Die Zugehörigkeiten zu Hutu und Tutsi sind abgeschafft, eine Propagierung der Unterschiede beider unter Strafe gestellt. Es scheint also alles gut, eine Mustergeschichte für Aufarbeitung.

Doch auch hier trügt der Schein. Die Spaltung der ruandischen Gesellschaft ist längst nicht aufgehoben: Die Tutsi, die aus dem Exil zurückkehrten, häufig junge Leute, die das erste mal bewusst in Ruanda lebten, waren in ihren Exilländern zur Schule gegangen, aufgewachsen und sozialisiert. Zu ihren ehemaligen Herkunftsdörfern und Kleinstädten haben sie kaum Bezug, mit den in Ruanda aufgewachsenen, teilen sie wenig. Sie kehrten zurück – aber in die großen Städte, vor allem Kigali und Butare als Universitätsstadt. Durch ihre Ausbildung hatten sie bessere Chancen, als viele der im Land verbliebenen Hutujugendlichen. Heute ist die Oberschicht in Ruanda zu großen Teilen mit Tutsi besetzt. Und auch wenn nicht offen darüber gesprochen wird, kennt jeder seine eigene ursprüngliche Zugehörigkeit. Im dörflichen Rahmen sind weit weniger Tutsi anzutreffen, als in Kigali. Und das Misstrauen war nach 1994 verständlicherweise groß. Erst jetzt gibt es wieder mehr Mischehen. Viele Hutu füllen sich durch die allgegenwärtige Geschichtsdarstellung diskriminiert; sie beklagen die Opfer der Hutu, die nicht gewürdigt würden und als Täter abgestempelt zu werden. Zahlreiche Programme zur Förderung von Waisen des Genozids schürten Neid. Ruanda ist längst nicht über den Berg, das zeigt auch die Angst um die Krise in Burundi, in der die alten Kategorien von Hutu und Tutsi wieder eine Rolle spielen. Solange Kagame und sein Militär fest im Sattel sind, wird nicht viel passieren. Das Militär ist der Schlüssel – 1994 wie heute. Doch unter der Oberfläche ist nichts vergessen, wenig vergeben und viel weniger als nötig verständigt. Die Zeit kann das richten. Junge Leute in den Städten heute sind nach 1994 geboren. Sie kennen nur ein friedliches Ruanda, erfreuen sich der Globalisierung und dem Leben, das Jugendliche auch in Europa leben. Sie könnten die erste Generation Ruandas sein, die ganz selbstverständlich die Kategorien Hutu und Tutsi ablegt. Noch ist dieser Wandel auf bestimmte Schichten der großen Städte beschränkt. Aber ein Anfang ist gemacht.

Literatur- und Filmtipps

Bücher:

  • Philip Gourevitch – Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden (1999, New York, deutsche Ausgabe im Berliner Taschenbuch Verlag)

Beschreibung: Auf gut 400 Seiten geht Gourevitch einem ähnlichen Verlauf nach wie mein Beitrag. Sehr gut als Einstieg in das Thema geeignet.

  • Jean Hatzfeld – Nur das nackte Leben (2000, Frankreich, deutsche Ausgabe im Haland & Wirth Verlag)

Jean Hatzfeld – Zeit der Macheten (2003, Frankreich, deutsche Ausgabe im Haland & Wirth Verlag)

Beschreibung: Hatzfeld hat in Ruanda zunächst Interviews mit Überlebenden des Völkermords geführt („Nur das nackte Leben“), später mit Tätern aus der selben Region („Zeit der Macheten“). Sehr einprägsam, insbesondere die Täterinterviews bergen wichtige Erkenntnisse aus der Entstehung eines solchen Verbrechens.

  •  Lukas Bärfuss – 100 Tage (2008, Wallstein Verlag)

Beschreibung: Literarische Aufarbeitung des Genozids aus der Sicht eines fiktiven schweizer Entwicklungshelfers, der 1994 in Ruanda lebt und arbeitet. Sehr offen, sehr explizit. Stark, insbesondere mit eigener Ostafrikaerfahrung.

 Filme:

  • Shooting Dogs (2007, USA)

Beschreibung: Sehr authentischer Film über ein Massaker an einer Schule in Kigali im Jahr 1994. Viele Überlebende haben an dem Film mitgearbeitet, was sich in einer einzigartigen Glaubwürdigkeit widerspiegelt. Sehr bewegend, leider nur auf Englisch erhältlich.

  •  Sometimes in April (2005, USA)

Beschreibung: Geschichte um die Aufarbeitung des Völkermords, spielt während und einige Zeit nach 1994. In stillen Szenen sehr bewegend. Leider nur auf Englisch erhältlich.

 Über den Autor des Beitrags

Bastian Gabrielli lebt seit 2010 im Westen Tansanias und arbeitet seit 2012 als Freiwilligenkoordinator bei artefact, der Organisation, mit der ich – Raphael – in Tansania bin. Neben reichhaltiger Lektüre hat er sich auf mehreren Reisen nach Ruanda ausgiebig mit dem Thema des Genozids auseinandergesetzt und viele Schauplätze aufgesucht.

Danke fürs Lesen, ich hoffe durch diese Beiträge wurde das Ausmaß euch näher gebracht. Ich bedanke mich auch nochmal bei Bastian für den sehr guten Bericht.

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4 Gedanken zu “Memorial Week, Wie das Morden zum Alltag wurde, Teil III

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