Memorial Week, Wie das Morden zum Alltag wurde, Teil II

Heute folgt der zweite Teil von  „Wie das Morden zum Alltag wurde – Der Genozid in Ruanda 1994“ von Bastian Gabrielli.  Nehmt euch bitte Zeit und lasst es auf euch wirken.

Der Weg zum Völkermord

Inzwischen hatte sich der von Belgiern geschürte Hass gegen die angeblichen Tutsiherrscher unter weiten Teilen der Hutu ausgebreitet. Die Tutsi standen nach ihren Theorien für Jahrhunderte der Versklavung und Unterdrückung. Sie wurden als Invasoren, die einst aus Äthiopien einwanderten und die Herrschaft an sich rissen, dargestellt. Für die lange Zeit diskriminierten Hutu eine fruchtbare These. Schon in den 50ern gab es erste Massaker an Tutsi, insbesondere 1959 mit etwa zehntausend Toten und hunderttausenden geflohenen Tutsi. Grausame Vorboten der Ereignisse, die da kommen sollten: In den folgenden Jahrzehnten gab es immer wieder Massaker an Tutsi, die immer wieder neue Fluchtwellen auslösten. Insbesondere nach Uganda, Tansania und Burundi. Die Hutu-Regierung nahm selbst zwar nicht prganisiert an den Massakern teil, tat aber auch nichts, um sie zu verhindern. 1973 kam Präsident Habyarimana an die Macht, die einstige demokratischen Grundsätze waren schon längst autokraten Regierungsstilen gewichen. Habyarimana sollte bis 1994 Präsident bleiben – bis sein Flugzeug am 7. April abgeschossen wurde.

Unter seiner Regierung nahmen die Massaker zwar ab, jedoch traten andere Probleme auf. So fiel in den 80ern der internationale Kaffeepreis massiv und stellte Ruandas Wirtschaft vor eine harte Probe. Und nicht zuletzt war da das Problem der Exil-Tutsi: Millionen waren über die Jahre der Massaker in die Nachbarstaaten geflohen. Als die 80er ruhig verliefen, kamen Forderungen der Flüchtlinge nach einer Heimkehr nach Ruanda auf. Die radikalen Hutueliten wollten dies aber nicht – sahen sie doch nach wie vor in den Tutsi den Feind.

Es bildete sich gegen Ende der 80er daher eine Rebellenbewegung der Exiltutsi, insbesondere in Uganda: Die RPF (Ruandisch-Patriotische Front). Unter ihnen war der noch junge Paul Kagame, heutiger Präsident Ruandas. Er und seine Waffenbrüder unterstützen Museveni, den heutigen Präsidenten Ugandas, Mitte der 80er in einem Bürgerkrieg in Uganda. Sie waren daher kriegserfahren, ausgebildet und gut ausgerüstet. Im Gegensatz zur ruandischen Armee. Die RPF erzielte schnell militärische Erfolge gegen eben jene und marschierte Richtung Kigali. Damit war eine äußere Bedrohung erschaffen, die den ideologisch indoktrinierten Hutu Angst machte: Die Tutsi kommen erneut, um sie zu versklaven. Präsident Habyarimana gründete die Miliz Interahamwe („Die, die zusammen kämpfen“) zur Selbstverteidigung der Hutu. Mit einfachen Waffen wie Speeren, Keulen und Machten ausgestattet, traten viele Hutu der Miliz bei und trainierten den Kampf gegen die Tutsi.

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Miliz Interahamwe (Quelle: Flickr)

1991 gab es durch dieses Klima die größten Massaker bis dato und erneut fanden Zehntausende den Tod.

Letztlich war es aber weder die ruandische Armee noch eine Miliz, die den Vormarsch der RPF stoppte – sondern Ruandas Schutzmacht Frankreich. Französische Fallschirmjäger (dazu mehr im Abschnitt ‚Versagen der Internationalen Gemeinschaft‘) stellten sich der RPF entgegen, die nun hoffnungslos unterlegen war und unter den Vermittlungen der UN Waffenstillstandsverhandlungen zustimmten. Auch Habyarimana gab dem internationalen Druck nach und stimmte Verhandlungen zu. 1991 wurde dadurch neben einem Waffenstillstand eine UN-Mission ins Land entsendet – mit dem Auftrag, den Frieden in Ruanda zu überwachen.

Der Konflikt war damit keinesfalls beendet, die wesentlichen Fragen nach Entwaffnung der RPF und Heimkehr der Tutsi Flüchtlinge blieben ungeklärt. Viel mehr noch gediehen unter diesem Klima Hass und Propaganda. Allen voran Radiosender wie RTLM verbreiteten ihre rassistischen Ideologien und sprachen offen davon, dass Arbeit nötig sei, um die Kakerlaken – wie Tutsi häufig genannt wurden – auszulöschen. Auch die Kritik an Habyarimana nahm in Ruanda zu: Vielen Hutu schien er weich geworden zu sein, hatte er doch mit dem Feind Verhandlungen aufgenommen. In den drei Jahren von 1991 bis 1994 brodelte Ruanda, es kursierten Texte wie die „Zehn Hutu Regeln“, die Hutu aufforderten, keine Ehen mit Tutsi einzugehen und auch sonst sich von den Tutsi abzugrenzen. Teile dieser Formulierungen erinnern stark an die Nürnberger Rassengesetze der Nationalsozialisten.

100 Tage

Wer am 7. April 1994 das Flugzeug mit dem Präsidenten Habyarimana abschoss, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Klar dagegen ist, dass das was folgte, kein Ausbruch spontaner Gewalt war, sondern von führenden Politikern und Militärs über die Jahre zuvor geplant wurde. Systematisch hatte die Propaganda das Volk vorbereitet und eifrige Bürokraten hatten Listen mit Tutsi erstellt. Was in Kigali begann, breitete sich binnen weniger Wochen in ganz Ruanda aus und konnte nur durch eine strenge Organisation – getragen von den gesellschaftlichen Hierarchien – ermöglicht werden. Kurz nach dem Abschuss der Maschine gaben Propagandasender wie das erwähnte RTLM ihre Losungen aus: „Fällt die hohen Bäume“ – gemeint waren die oft hochgewachsenen Tutsi.

Sowohl Militär als auch Milizen wie die Interahamwe errichteten Straßensperren und kontrollierten jeden, der passieren wollte. „Dank“ der Belgier war ja im Pass aufgeführt, wer Hutu oder Tutsi war. Hutu konnten passieren, Tutsi wurden an Ort und Stelle ermordet und lagen oft Tage, manchmal Wochen oder gar Monate in Straßengräben. Während das Militär mit Schusswaffen ausgestattet war, töteten die Milizen vor allem mit Keulen und Macheten. Welch unglaublicher Hass sie dabei antrieb, zeigt die Art der Tötungen. Viele Opfer wurden nicht nur abgeschlachtet, sondern zuvor verstümmelt. Die langen Beine wurden häufig abgehackt, Frauen vergewaltigt, die Merkmale ihrer nachgesagten Schönheit wie ihre Brüste wurden abgeschnitten und Schwangeren die ungeborenen Babys aus dem Bauch geschnitten. Nicht wenige verbluteten über Stunden qualvoll.

Gleichzeitig gingen organisierte Militärtrupps die zuvor gemachten Listen von wichtigen Tutsi und gemäßigten Hutu durch und suchten die Häuser ab. Wer nicht voll hinter der sogenannten „Hutu Power“-Bewegung stand, wurde ermordet. Darunter auch die Premierministerin, die unter dem Schutz von belgischen UN-Soldaten stand. Die sie bewachenden Blauhelme wurden in eine Kaserne verschleppt und dort erschossen.

Währenddessen lief überall in Ruanda das Radio. Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal des ruandischen Genozids war das Täter-Opfer-Verhältnis. Es war der wohl einzige Völkermord der Geschichte, in dem es mehr Täter als Opfer gab. Mehr als eine Million Hutu (in einem Land mit etwa sechs Millionen Einwohnern) nahmen an dem Morden teil. Häufig schlachteten mehrere Täter ein Opfer mit ihren Machten und Keulen. Und RTLM trieb sie an, Parolen wie „füllt die leeren Gräber“, „die Soldaten können die Arbeit nicht alleine verrichten“ oder die Aufforderung, ein für allemal „eine bessere Welt für die Ruander zu schaffen“. Und sie folgten. Nicht nur an Straßensperren. Der Völkermord war auch ein häuslicher Völkermord. Nachbarn warfen andere Nachbarn in Latrinen, in denen die Opfer ertranken oder Tage lang aushielten, bis sie qualvoll starben. Hutumänner töteten unter Druck ihre Tutsifrauen, Kinder wurden zum Mord an der eigenen Mutter gezwungen, und Hutufrauen, die einen Tutsimann geheiratet hatten, wurden oft mehrfach und von HIV-positiven Tätern als Mahnung vergewaltigt.

Wie die Jahre zuvor blieb den Tutsi nicht viel anderes übrig, als das Heil in der Flucht zu suchen. Wer konnte, über die Grenzen in die Nachbarländer. In den dörflichen Gemeinden oft in Orte des zentrales Leben: Schulen und Kirchen, hier insbesondere Kirchen. Das Sammeln dort versprach Schutz durch die Masse und gleichzeitig spirituelle Unterstützung und auch die Hoffnung, ihre Häscher, zumindest gläubige Christen, würden vor dem Mord im Gotteshaus zurückschrecken. Bei den Massakern zuvor hatten sich diese Taktiken bewährt. In vielen Kirchen waren teils Tausende, manchmal Zehntausende versammelt.

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Kirche mit Memorial in Kibyue (Quelle:Flickr)

Dieses mal jedoch flohen die Tutsi in Fallen. Hatten sich Hunderte, Tausende oder sogar mehr erst in einer Kirche versammelt, wurden sie bald von Interahamwe und ihren Unterstützern umzingelt. Mit Macheten versuchten die Mörder, auf die Gelände zu gelangen. Scheiterten sie an der Gegenwehr der Masse, riefen sie das Militär zu Hilfe. Schüsse trieben die Tutsi in die Innenräume der Gebäude, Handgranaten sprengten die Türen und Fenster auf. Was dann folgte, dauerte manchmal tagelang. In Handarbeit ermordeten die Rassisten jeden, den sie vorfanden. Auch hier schlug sich der Hass in unglaublicher Brutalität seine Bahnen. In der Kirche von Nyamata beispielsweise liegt heute ein Sarg gebart, in dem eine Frau liegt, die vor ihrer Ermordung von mehr als zehn Männern vergewaltigt wurde und letztlich durch einen Spieß getötet wurde, der ihr vaginal eingeführt und bis zum Hals durchgestoßen wurde.

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Schädel in der Kirche Nyamata (Quelle: Flickr)

Wenn Sie bis hierhin durchgehalten haben, wird Ihnen jetzt wahrscheinlich übel. Mir geht das nicht anders beim Schreiben. Dennoch finde ich es wichtig, aufzuzeigen, wie dieser Völkermord von Statten ging – eben weil solche Akte keine einzelnen Exzesse eines sonst ’sauberen‘ Mordens waren, sondern den Genozid in seiner Art prägten. In der benachbarten Kirche von Ntarama (beide sind heute Memorials) gab es ein Gebäude, in dem sich die Kleinkinder versteckten. Bei der Erstürmung wurde jedes einzelne an den Füssen gepackt und solange gegen die Mauer geschlagen, bis es tot war. Noch heute zeugt ein Blutfleck von der Grausamkeit jener Tage.

Neben der Brutalität war auch auch die unglaubliche Banalität charakteristisch für den Völkermord. Wer sonst auf seinen Feldern arbeitete, ging jetzt morgens auf die Jagd. Auf die Jagd nach Menschen. Morgens versammelten sich die Häscher, durchstreiften tagsüber die Sümpfe auf der Suche nach versteckten Tutsi und machten abends Feierabend. War die Arbeitszeit rum, ging es nach Hause. Auch wenn gerade noch jemand geflohen war – egal – jetzt begann die Freizeit. Morgen war ja schließlich auch noch ein Arbeitstag.

Dass der Genozid nach 100 Tagen zu Ende war, lag nicht daran, dass fast alle Tutsi ermordet waren. Auch nicht am beherzten Eingreifen der UN-Truppe, die ja während des Mordens in Ruanda stationiert war. Sondern am Erfolg der RPF: Direkt nach dem Abschuss Habyarimanas und der ersten Massaker setzen die Rebellen ihren Marsch nach Kigali fort, rekrutierten in Uganda und Tansania neue Soldaten und stießen von Nordosten her stetig vor. Noch immer waren sie militärisch der ruandischen Armee überlegen, nicht zuletzt, da letztere viele Kräfte aufgrund des Mordens eingebüßt hatte.

Im Juli 1994 war schließlich der Völkermord in Ruanda unter ihrer Kontrolle beendet.

Morgen folgen die letzten Kapitel  „Versagen der Internationalen Gemeinschaft“ sowie „Folgen des Genozids bis heute“.

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