Memorial Week, Wie das Morden zum Alltag wurde, Teil II

Heute folgt der zweite Teil von  „Wie das Morden zum Alltag wurde – Der Genozid in Ruanda 1994“ von Bastian Gabrielli.  Nehmt euch bitte Zeit und lasst es auf euch wirken.

Der Weg zum Völkermord

Inzwischen hatte sich der von Belgiern geschürte Hass gegen die angeblichen Tutsiherrscher unter weiten Teilen der Hutu ausgebreitet. Die Tutsi standen nach ihren Theorien für Jahrhunderte der Versklavung und Unterdrückung. Sie wurden als Invasoren, die einst aus Äthiopien einwanderten und die Herrschaft an sich rissen, dargestellt. Für die lange Zeit diskriminierten Hutu eine fruchtbare These. Schon in den 50ern gab es erste Massaker an Tutsi, insbesondere 1959 mit etwa zehntausend Toten und hunderttausenden geflohenen Tutsi. Grausame Vorboten der Ereignisse, die da kommen sollten: In den folgenden Jahrzehnten gab es immer wieder Massaker an Tutsi, die immer wieder neue Fluchtwellen auslösten. Insbesondere nach Uganda, Tansania und Burundi. Die Hutu-Regierung nahm selbst zwar nicht prganisiert an den Massakern teil, tat aber auch nichts, um sie zu verhindern. 1973 kam Präsident Habyarimana an die Macht, die einstige demokratischen Grundsätze waren schon längst autokraten Regierungsstilen gewichen. Habyarimana sollte bis 1994 Präsident bleiben – bis sein Flugzeug am 7. April abgeschossen wurde.

Unter seiner Regierung nahmen die Massaker zwar ab, jedoch traten andere Probleme auf. So fiel in den 80ern der internationale Kaffeepreis massiv und stellte Ruandas Wirtschaft vor eine harte Probe. Und nicht zuletzt war da das Problem der Exil-Tutsi: Millionen waren über die Jahre der Massaker in die Nachbarstaaten geflohen. Als die 80er ruhig verliefen, kamen Forderungen der Flüchtlinge nach einer Heimkehr nach Ruanda auf. Die radikalen Hutueliten wollten dies aber nicht – sahen sie doch nach wie vor in den Tutsi den Feind.

Es bildete sich gegen Ende der 80er daher eine Rebellenbewegung der Exiltutsi, insbesondere in Uganda: Die RPF (Ruandisch-Patriotische Front). Unter ihnen war der noch junge Paul Kagame, heutiger Präsident Ruandas. Er und seine Waffenbrüder unterstützen Museveni, den heutigen Präsidenten Ugandas, Mitte der 80er in einem Bürgerkrieg in Uganda. Sie waren daher kriegserfahren, ausgebildet und gut ausgerüstet. Im Gegensatz zur ruandischen Armee. Die RPF erzielte schnell militärische Erfolge gegen eben jene und marschierte Richtung Kigali. Damit war eine äußere Bedrohung erschaffen, die den ideologisch indoktrinierten Hutu Angst machte: Die Tutsi kommen erneut, um sie zu versklaven. Präsident Habyarimana gründete die Miliz Interahamwe („Die, die zusammen kämpfen“) zur Selbstverteidigung der Hutu. Mit einfachen Waffen wie Speeren, Keulen und Machten ausgestattet, traten viele Hutu der Miliz bei und trainierten den Kampf gegen die Tutsi.

15261550614_cb59a8ab8a_k
Miliz Interahamwe (Quelle: Flickr)

1991 gab es durch dieses Klima die größten Massaker bis dato und erneut fanden Zehntausende den Tod.

Letztlich war es aber weder die ruandische Armee noch eine Miliz, die den Vormarsch der RPF stoppte – sondern Ruandas Schutzmacht Frankreich. Französische Fallschirmjäger (dazu mehr im Abschnitt ‚Versagen der Internationalen Gemeinschaft‘) stellten sich der RPF entgegen, die nun hoffnungslos unterlegen war und unter den Vermittlungen der UN Waffenstillstandsverhandlungen zustimmten. Auch Habyarimana gab dem internationalen Druck nach und stimmte Verhandlungen zu. 1991 wurde dadurch neben einem Waffenstillstand eine UN-Mission ins Land entsendet – mit dem Auftrag, den Frieden in Ruanda zu überwachen.

Der Konflikt war damit keinesfalls beendet, die wesentlichen Fragen nach Entwaffnung der RPF und Heimkehr der Tutsi Flüchtlinge blieben ungeklärt. Viel mehr noch gediehen unter diesem Klima Hass und Propaganda. Allen voran Radiosender wie RTLM verbreiteten ihre rassistischen Ideologien und sprachen offen davon, dass Arbeit nötig sei, um die Kakerlaken – wie Tutsi häufig genannt wurden – auszulöschen. Auch die Kritik an Habyarimana nahm in Ruanda zu: Vielen Hutu schien er weich geworden zu sein, hatte er doch mit dem Feind Verhandlungen aufgenommen. In den drei Jahren von 1991 bis 1994 brodelte Ruanda, es kursierten Texte wie die „Zehn Hutu Regeln“, die Hutu aufforderten, keine Ehen mit Tutsi einzugehen und auch sonst sich von den Tutsi abzugrenzen. Teile dieser Formulierungen erinnern stark an die Nürnberger Rassengesetze der Nationalsozialisten.

100 Tage

Wer am 7. April 1994 das Flugzeug mit dem Präsidenten Habyarimana abschoss, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Klar dagegen ist, dass das was folgte, kein Ausbruch spontaner Gewalt war, sondern von führenden Politikern und Militärs über die Jahre zuvor geplant wurde. Systematisch hatte die Propaganda das Volk vorbereitet und eifrige Bürokraten hatten Listen mit Tutsi erstellt. Was in Kigali begann, breitete sich binnen weniger Wochen in ganz Ruanda aus und konnte nur durch eine strenge Organisation – getragen von den gesellschaftlichen Hierarchien – ermöglicht werden. Kurz nach dem Abschuss der Maschine gaben Propagandasender wie das erwähnte RTLM ihre Losungen aus: „Fällt die hohen Bäume“ – gemeint waren die oft hochgewachsenen Tutsi.

Sowohl Militär als auch Milizen wie die Interahamwe errichteten Straßensperren und kontrollierten jeden, der passieren wollte. „Dank“ der Belgier war ja im Pass aufgeführt, wer Hutu oder Tutsi war. Hutu konnten passieren, Tutsi wurden an Ort und Stelle ermordet und lagen oft Tage, manchmal Wochen oder gar Monate in Straßengräben. Während das Militär mit Schusswaffen ausgestattet war, töteten die Milizen vor allem mit Keulen und Macheten. Welch unglaublicher Hass sie dabei antrieb, zeigt die Art der Tötungen. Viele Opfer wurden nicht nur abgeschlachtet, sondern zuvor verstümmelt. Die langen Beine wurden häufig abgehackt, Frauen vergewaltigt, die Merkmale ihrer nachgesagten Schönheit wie ihre Brüste wurden abgeschnitten und Schwangeren die ungeborenen Babys aus dem Bauch geschnitten. Nicht wenige verbluteten über Stunden qualvoll.

Gleichzeitig gingen organisierte Militärtrupps die zuvor gemachten Listen von wichtigen Tutsi und gemäßigten Hutu durch und suchten die Häuser ab. Wer nicht voll hinter der sogenannten „Hutu Power“-Bewegung stand, wurde ermordet. Darunter auch die Premierministerin, die unter dem Schutz von belgischen UN-Soldaten stand. Die sie bewachenden Blauhelme wurden in eine Kaserne verschleppt und dort erschossen.

Währenddessen lief überall in Ruanda das Radio. Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal des ruandischen Genozids war das Täter-Opfer-Verhältnis. Es war der wohl einzige Völkermord der Geschichte, in dem es mehr Täter als Opfer gab. Mehr als eine Million Hutu (in einem Land mit etwa sechs Millionen Einwohnern) nahmen an dem Morden teil. Häufig schlachteten mehrere Täter ein Opfer mit ihren Machten und Keulen. Und RTLM trieb sie an, Parolen wie „füllt die leeren Gräber“, „die Soldaten können die Arbeit nicht alleine verrichten“ oder die Aufforderung, ein für allemal „eine bessere Welt für die Ruander zu schaffen“. Und sie folgten. Nicht nur an Straßensperren. Der Völkermord war auch ein häuslicher Völkermord. Nachbarn warfen andere Nachbarn in Latrinen, in denen die Opfer ertranken oder Tage lang aushielten, bis sie qualvoll starben. Hutumänner töteten unter Druck ihre Tutsifrauen, Kinder wurden zum Mord an der eigenen Mutter gezwungen, und Hutufrauen, die einen Tutsimann geheiratet hatten, wurden oft mehrfach und von HIV-positiven Tätern als Mahnung vergewaltigt.

Wie die Jahre zuvor blieb den Tutsi nicht viel anderes übrig, als das Heil in der Flucht zu suchen. Wer konnte, über die Grenzen in die Nachbarländer. In den dörflichen Gemeinden oft in Orte des zentrales Leben: Schulen und Kirchen, hier insbesondere Kirchen. Das Sammeln dort versprach Schutz durch die Masse und gleichzeitig spirituelle Unterstützung und auch die Hoffnung, ihre Häscher, zumindest gläubige Christen, würden vor dem Mord im Gotteshaus zurückschrecken. Bei den Massakern zuvor hatten sich diese Taktiken bewährt. In vielen Kirchen waren teils Tausende, manchmal Zehntausende versammelt.

7731436040_beafc81fa2_k
Kirche mit Memorial in Kibyue (Quelle:Flickr)

Dieses mal jedoch flohen die Tutsi in Fallen. Hatten sich Hunderte, Tausende oder sogar mehr erst in einer Kirche versammelt, wurden sie bald von Interahamwe und ihren Unterstützern umzingelt. Mit Macheten versuchten die Mörder, auf die Gelände zu gelangen. Scheiterten sie an der Gegenwehr der Masse, riefen sie das Militär zu Hilfe. Schüsse trieben die Tutsi in die Innenräume der Gebäude, Handgranaten sprengten die Türen und Fenster auf. Was dann folgte, dauerte manchmal tagelang. In Handarbeit ermordeten die Rassisten jeden, den sie vorfanden. Auch hier schlug sich der Hass in unglaublicher Brutalität seine Bahnen. In der Kirche von Nyamata beispielsweise liegt heute ein Sarg gebart, in dem eine Frau liegt, die vor ihrer Ermordung von mehr als zehn Männern vergewaltigt wurde und letztlich durch einen Spieß getötet wurde, der ihr vaginal eingeführt und bis zum Hals durchgestoßen wurde.

2960596900_b26fe6c52e_b
Schädel in der Kirche Nyamata (Quelle: Flickr)

Wenn Sie bis hierhin durchgehalten haben, wird Ihnen jetzt wahrscheinlich übel. Mir geht das nicht anders beim Schreiben. Dennoch finde ich es wichtig, aufzuzeigen, wie dieser Völkermord von Statten ging – eben weil solche Akte keine einzelnen Exzesse eines sonst ’sauberen‘ Mordens waren, sondern den Genozid in seiner Art prägten. In der benachbarten Kirche von Ntarama (beide sind heute Memorials) gab es ein Gebäude, in dem sich die Kleinkinder versteckten. Bei der Erstürmung wurde jedes einzelne an den Füssen gepackt und solange gegen die Mauer geschlagen, bis es tot war. Noch heute zeugt ein Blutfleck von der Grausamkeit jener Tage.

Neben der Brutalität war auch auch die unglaubliche Banalität charakteristisch für den Völkermord. Wer sonst auf seinen Feldern arbeitete, ging jetzt morgens auf die Jagd. Auf die Jagd nach Menschen. Morgens versammelten sich die Häscher, durchstreiften tagsüber die Sümpfe auf der Suche nach versteckten Tutsi und machten abends Feierabend. War die Arbeitszeit rum, ging es nach Hause. Auch wenn gerade noch jemand geflohen war – egal – jetzt begann die Freizeit. Morgen war ja schließlich auch noch ein Arbeitstag.

Dass der Genozid nach 100 Tagen zu Ende war, lag nicht daran, dass fast alle Tutsi ermordet waren. Auch nicht am beherzten Eingreifen der UN-Truppe, die ja während des Mordens in Ruanda stationiert war. Sondern am Erfolg der RPF: Direkt nach dem Abschuss Habyarimanas und der ersten Massaker setzen die Rebellen ihren Marsch nach Kigali fort, rekrutierten in Uganda und Tansania neue Soldaten und stießen von Nordosten her stetig vor. Noch immer waren sie militärisch der ruandischen Armee überlegen, nicht zuletzt, da letztere viele Kräfte aufgrund des Mordens eingebüßt hatte.

Im Juli 1994 war schließlich der Völkermord in Ruanda unter ihrer Kontrolle beendet.

Morgen folgen die letzten Kapitel  „Versagen der Internationalen Gemeinschaft“ sowie „Folgen des Genozids bis heute“.

Werbeanzeigen

Memorial Week , Wie das Morden zum Alltag wurde, Teil I

Hallo meine lieben Leser,

wie Ihr alle wisst, war ich vor einiger Zeit in Ruanda. Bei meiner Reise dorthin habe ich mich auch mit dem Genozid, der dort im Jahr 1994 stattfand, auseinandergesetzt. Vor meinem Zwischenseminar bzw. meiner Reise nach Ruanda wusste ich selbst nicht unbedingt viel über dieses tragische Ereignis und den schrecklichen Tathergang. Nun möchte ich euch in den nächsten drei Einträgen über den Genozid in Ruanda informieren. Dazu habe ich meinen Regionalbetreuer Bastian um Hilfe gebeten, der sich sehr gut mit diesem Thema auskennt. Falls es euch interessiert, dann nehmt euch bitte Zeit für die nächsten Berichte.

Wie das Morden zum Alltag wurde – Der Genozid in Ruanda 1994

von Bastian Gabrielli

Erinnern Sie sich, wo Sie -sofern alt genug- am 7.4.1994 waren? Die wenigsten werden das. Wir kennen das Phänomen des eingebrannten Tages bei wichtigen, einschneidenden politischen Ereignissen wie vor allem dem 11. September. Dabei nehmen wir nur solche Ereignisse als einschneidend wahr, die uns selbst nah oder durch Berichterstattung näher gebracht werden. Würden wir uns an diesen Dienstag des Jahres 2001 erinnern, wenn nicht den ganzen Tag auf allen Kanälen immer und immer wieder die Flugzeuge in das World Trade Center rasten? Wahrscheinlich nicht. Die Tagesschau vom 7.4.1994 berichtet in ihrem Aufmacher über das Fallen der Arbeitslosenzahlen. Es folgen die Themen Tarifabschluss bei der Bahn, Kohls Appell zur Abschiebung von militanter Kurden, Rüstungslieferungen an die Türkei, Verhandlungen in Bosnien-Herzegowina und Anschläge in Israel. Erst dann berichtet die wichtigste deutsche Nachrichtensendung über den Abschuss des Flugzeuges mit den Präsidenten Ruandas und Burundis über der ruandischen Hauptstadt Kigali und von Unruhen, die es danach in der Nacht gegeben hätte. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits Tausende ermordet. Kein Wunder also, dass bei einer derartigen Gewichtung in den deutschen Nachrichten der 7.4.1994 für uns nicht sonderlich einprägsam war.

Jetzt könnte man einwerfen, dass der 11. September dagegen ein global prägendes Ereignis mit Auswirkungen, Kriegsfolgen und Terrorattacken bis heute nach sich zieht. Das trifft aber ebenfalls auf den Abschuss der Präsidentenmaschine 1994 und den damit verbundenen Auslöser für den Genozid zu. Zur Erinnerung: Zwei Präsidenten starben in dieser Nacht vom 6. auf den 7. April. Der Aufmacher der Tagesschau waren die Arbeitslosenzahlen. Nach nur drei Monaten ist der Genozid in Ruanda beendet, mindestens 800.000 Menschen ermordet, unzählige weitere vergewaltigt, verstümmelt, vertrieben und gezielt mit HIV infiziert.Ich glaube, dass unser Empfinden zu einem Ereignis vor allem durch Berichterstattung und unser Wissen darüber geprägt werden. Aber auch zu unserer persönlichen Nähe zur Thematik.

Der 7. April ist jedes Jahr der Auftakt zur Memorial Week in Ruanda und ein Tag des Gedenkens. Raphael bat mich, da er selbst kürzlich in Ruanda war und wir auf dem Seminar über das Thema sprachen, seinen Lesern das Thema näher zu bringen. Das möchte ich mit diesem Beitrag tun. Um etwas mehr zu berichten, etwas mehr Wissen und auch Nähe zu vermitteln. Naturgemäß wird dies ein längerer Beitrag – ich versuche mich dennoch so kurz wie möglich zu fassen. Auch wenn es ein schweres Thema ist, würde ich mich freuen, wenn Sie den Beitrag in voller Länge lesen. Vielleicht eingeteilt, in kleine Happen den Tag über oder über das Wochenende. Insbesondere im Abschnitt ‚100 Tage‘ geht es zudem um den Ablauf des Genozids selbst – hier werde ich nicht drumherum kommen, explizite Gewaltakte und ihre Brutalität zu erwähnen (wenn auch nicht in allen Details zu beschreiben, es geht mir mehr um den Überblick). Empfindlichere Leser möchte ich daher vor diesem Abschnitt ein wenig warnen.

Von Hutu und Tutsi

Viele haben schon mal von Hutu und Tutsi gehört oder verbinden diese auch direkt mit dem Völkermord in Ruanda. Um zu verstehen -sofern ein Verständnis solcher Gewalt denn möglich ist- wie es dazu kommen konnte, dass radikale Hutu 1994 Hunderttausende Tutsi und gemäßigte Hutu ermorden, ist kaum überraschend ein Blick in die Geschichte nötig.

Und zunächst eine Definition, denn anders als früher oft angegeben, waren Hutu und Tutsi keine unterschiedliche Ethnien, keine Völker, keine Stämme. Sie waren vielmehr Stände: Ethnien unterscheiden sich durch ihre Kultur, Tradition, Herkunft und Sprache. Sowohl Hutu als auch Tutsi teilen aber seit Jahrhunderten die selbe Kultur und Sprache. Wann genau sich beide Gruppen im heutigen Ruanda ansiedelten, ist unklar. Doch schon hunderte Jahre vor der Ankunft sogenannter europäischer Entdecker lebten beide im Königreich Ruandas, das überwiegend von Tutsikönigen regiert wurde. Wir kennen das Ständesystem aus der europäischen Geschichte: Gesellschaftliche Gruppen, etwa Bauern, Adel und Klerus, deren Grenzen in der Theorie zwar durchlässig, in der Praxis aber kaum überwindbare Hürden darstellen. Ein Bauer bleibt ein Bauer, dass er vom König geadelt wurde, war kaum wahrscheinlich. Ähnlich in Ruanda: Die Tutsi bildeten den Beamtenstand, Verwalter und Viehbesitzer. Vieh bedeutete Vermögen. Die überwiegende Mehrzahl der Hutu dagegen waren einfache Arbeiter und Bauern.

Beide Gruppen waren einst aus verschiedenen Regionen nach Ruanda eingewandert: die Hutu als Bantu aus westlicher Herkunft, die Tutsi eher aus nordöstlicher Richtung. Obwohl sie daher ursprünglich einmal unterschiedliche Ethnien darstellten, wurden sie durch Jahrhunderte gemeinsamen Lebens zu einem einzigen Volk und zu den erwähnten Ständen. Zwar gab es Mischehen, doch wir kennen auch das aus Deutschland: Zwischen verschiedenen sozialen Schichten gibt es oft wenig Kontakt. Bei einem Ständesystem nochmal umso mehr – will sagen, die Anzahl der Mischehen war gering. Dadurch behielten viele (ich sage bewusst viele, nicht die meisten oder gar alle) Ruander jener Zeit die äußerlichen Merkmale ihres Standes, etwa hoher Wuchs und hellere Haut bei den Tutsi, die allgemein als sehr schön empfunden wurden, und dunklere Haut mit kräftigerer Statur bei den Hutu.

Als dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ersten Europäer kamen, fanden sie dieses gesellschaftliche Konstrukt vor und versuchten es mit der ihrer Zeit durch Darwins Theorien angestoßene Rassenvorstellungen zu erklären. Und Ruanda passte wunderbar in das Rassenbild der Europäer: Die Tutsi als heller, schöner – ja den Europäern dadurch ähnlicher, schienen durch ihre gesellschaftliche Rolle intelligenter als die wesentlich dunkleren, einfacheren Hutu, die nach der Idee der europäischen Rassisten zu nicht mehr als einfacher Arbeit taugten.

Nach der Kongokonferenz von 1885 wurde Ruanda deutsche Kolonie. Dass die Deutschen führend in der Rassenideologie waren, ist wohl müßig zu erwähnen. Und so mag es kaum überraschen, dass die Kolonialisten ausgestattet mit allerlei Messgeräten die Menschen nach Farbskalen und Nasenlänge untersuchten. Wir kennen solche Bilder aus dem Nationalsozialismus. Und gemäß dem Wahn der Deutschen wurden die Tutsi gezielt für Verwaltungsaufgaben eingesetzt, während die Hutu zu einfachen, harten Arbeiten herangezogen wurden. Das erste Mal wurden aus Ständen Rassen, das erste mal tauchten die Tutsi als Handlanger der Unterdrücker auf – zumindest in den Augen der zu Zwangsarbeiten herangezogenen Hutu.

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg ging Ruanda zusammen mit dem südlich benachbarten Burundi zu Belgien über, das schon den westlichen Nachbarn, den Kongo, als Kolonie ausbeutete. Die Belgier standen den deutschen Rassisten in nichts nach und gingen sogar weiter: Wer mehr als die vollkommen willkürlich gewählte Anzahl von zehn Rindern besaß, wurde als Tutsi geführt und wer weniger besaß als Hutu. Neu ausgestellte Pässe für jeden Ruander beinhalteten die Angabe der nun festgeschriebenen Rasse. Kinder übernahmen die Angehörigkeit ihres Vaters.

Nun waren aus den einstigen Ständen endgültig festgeschriebene und vererbbare Ethnien gemacht worden, die nicht zu wechseln waren. Die Spaltung der ruandischen Gesellschaft war damit vollzogen und dem Hass radikaler Hutu die Saat gesetzt. Es folgten einige Jahrzehnte, in denen die Belgier eine ähnliche Verwaltungspolitik verfolgten wie die Deutschen und gezielt Tutsi zu Beamten ausbildeten. Die höheren Ausbildungswege waren für Hutu selten zugänglich.

In den 50er Jahren des 20. Jahrhundert setzte in Europa – ausgelöst durch den Rassenhass der Nazis und der Shoa – ein Umdenken in vielen europäischen Köpfen ein. Der Gedanke der biologischen Rassen schien überholt und ein neues Denken wurde modern: Ein pessimistisches Zivilisationsbild und eine Idealisierung des sogenannten „Edlen Wilden“, also von Völkern, die vermeintlich einheitlich mit der Natur lebten und deren scheinbare Idylle vielen vom Krieg geplagten Europäern als paradiesisch erschien. Auch unter belgischen Geistlichen begann ein derartiges Umdenken. In den Kolonien waren es häufig Geistliche gewesen, die sich um die Bildung der Einheimischen kümmerten. Und dieses Umdenken wirkte sich unter dem Druck jener Geistlichen auch in Ruanda aus. Plötzlich schienen die Hutu, die so einfach lebten, fördernswert und die Tutsi als verkopfte Verwalter nicht mehr opportun. Im Prinzip wurde das Bildungssystem mit seinen Diskriminierungen umgedreht und den Tutsi wurde vermehrt der Zugang verwehrt.

Auch begannen in den 50er Jahren in ganz Afrika die Unabhängigkeitsbewegungen fordernder zu werden. Auch hier setzte nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa ein Umdenken ein. Ruanda bildete keine Ausnahme und wurde 1962 ein unabhängiger Staat. Bereits zuvor fanden Wahlen statt und die größte Hutupartei gewann mit 77% der Stimmen – die Hutu bildeten mit sehr grob geschätzten 80% die deutliche Bevölkerungsmehrheit.

Morgen folgen die Kapitel  „Der Weg zum Völkermord“ sowie „100 Tage“.

Hochzeit!!

Mein heutiges Erlebnis, das ich mit euch teilen möchte, ist eine Hochzeit.

Vor einiger Zeit schon waren ich und weitere Freiwillige auf einer Hochzeit eingeladen. Da wir ja gut aussehen wollten, machten wir uns extra noch auf den Weg zum Schneider, um uns – na klar – noch ein paar schicke Klamotten schneidern zu lassen. Aber dies nur so nebenbei!

Da die Trauung an einem Sonntag stattfand, wurde vor der eigentlichen kirchlichen Trauung noch der normale Sonntagsgottesdienst besucht. Dies bedeutete gleich zu Beginn des Tages erst einmal 3 oder 4 Stunden Sitzen. Nach dem Gottesdienst wurden für die Hochzeit die Stühle umgestellt. So langsam trudelten alle Gäste ein, es dauerte jedoch eine halbe Ewigkeit, bis endlich das Brautpaar kam. Der Bräutigam stand vorne, die Braut kam von der anderen Seite rein und beide tanzten dann ganz langsam auf sich zu. Danach tanzten noch die Trauzeugen hinter dem Hochzeitspaar langsam nach vorne. Ihr könnt euch also vorstellen, dass alles ziemlich lang gedauert hat!

Nach Ende der Trauung gab es für das Brautpaar zuerst etwas zu essen, der Rest – also auch wir Freiwilligen – gingen noch leer aus. Nachdem sich das Brautpaar gestärkt hatte, machte sich der Hochzeitszug auf den Weg zur einer Halle. Dabei bestand er nicht wie in Deutschland aus Autos, sondern aus Pikis und einem Dalla. Das Brautpaar fuhr allerdings separat in einem Auto. Unser Ziel war eine kleine Halle. Bevor wir uns aber auf den Weg dorthin machten, fuhren wir erst mal noch eine Stunde durch die ganze Stadt.

An unserem Ziel angekommen, lies es Markus sich nicht nehmen, noch ein Foto mit dem Brautpaar im Auto zu schießen.
DSC_0215
In Tansania bezahlen die Hochtzeitsgäste dafür, dass sie auf die Hochtzeit kommen dürfen. In der Regel sind es so zwischen 5 und 8 Euro pro Person. Für das Bezahlen bekommt man dann eine Eintrittskarte. Am Eingang zur Feier wird diese Karte dann kontrolliert und man bekommt dafür dann Essen und Trinkkärtchen. Hört sich zwar sehr organisiert an, leider ging es jedoch nicht ganz auf mit den Trinkkärtchen. Ich hatte zum Beispiel noch zwei von fünf Kärtchen übrig, leider gab es jedoch kein Trinken mehr.

Die Halle war bunt geschmückt. Auf einem kleinen Podest stand ein Tisch für das Brautpaar und unten links und rechts war für die beiden Familien ein Tisch bereitgestellt.
DSC_0222
Als alle Gäste den Weg in die Halle gefunden hatten, ging die Feier so langsam los. Zuerst kam das Brautbar nacheinander hereingetanzt. Danach wurde ein Band gemeinsam durchschnitten. Übrigens: in Tansania ist es üblich, dass durch das Programm geführt wird. Ein Mann am Mikrofon erklärte also auch auf dieser Feier nochmals lautstark, was gerade passierte und sorgte nebenbei für Stimmung. Ein anderes Higlight des Abends war die Geschenkeübergabe. Jeder, der ein Geschenk dabei hatte, tanzte nacheinander mit dem Geschenk in Richtung Brautpaar.
DSC_0236
Nach dem die Geschenke überreicht wurden, ging es ans Essen. Es war ein Riesenbuffet aufgestellt und – ihr könnt es auch denken – zum Essen wurde auch getanzt . Nach dem Essen verließen sehr viele Gäste ziemich schnell die Halle. Zum Schluss wurde dann noch zu etwa sechs Liedern das Tanzbein geschwungen, bevor die Halle geräumt wurde. Unter der Feier sang immer mal wieder ein Chor. Ach übrigens: während der Feier habe ich die meiste Zeit über einen kleinen Freund bei mir gehabt, den ihr auf dem nächsten Foto sehen könnt.

DSC_0218

Es war total interessant, mal bei einer Hochzeit in Tansania dabei gewesen zu sein. Ich hoffe, euch hat der Beitrag gefallen!

Bis die Tage!

Raphael

Urlaub Teil 3

So, dann kommen wir heute zum letzten Teil meiner Reise.

Wo bin ich nochmals stehen geblieben? Genau, meine Freundin und ich machten uns mit der Fähre von Stone-Town, Sansibar, auf den Weg zurück nach Dar und von dort ging die Reise mit dem Bus bis nach Bukoba.

Aber wie immer alles der Reihe nach. In Dar angekommen, machten wir uns wieder auf dem Weg in  Richtung Stendi (Busbahnhof), um dort für eine Nacht ein Hotel zu suchen. In Tansania fahren die Busse bei größeren Strecken immer nur sehr früh morgens ab. Dieses mal machten wir aber nicht den gleichen Fehler und suchten uns deshalb ein zwar etwas teureres, aber dafür auch rattenfreies Hotel (zumindest hatten wir dieses mal keine Ratten gesehen).  Da es erst mittags war, konnten wir noch das „schöne“ Daressaalam genießen ;-). Nach einem kleinen Snack machten wir uns auf den Weg nach Mlimani City. Mlimani City ist ein großes Einkaufscentrum in Dar. Dort gönnten wir uns ein leckeres Eis und noch einmal den Luxus von einem Kino. Kleine interessante Anmerkung: die EINE Kugel Eis und der Eintritt ins Kino kostete gleich viel.

Am nächsten Morgen machten wir uns um halb sechs in der Früh auf den Weg zu unserem Bus. Um diese Zeit ist am Stendi die Hölle los. Es wollen ca. 50 Busse oder noch mehr am besten gleichzeitig losfahren, was eine elendig lange Wartezeit zur Folge hat. Unsere Reise nach Bukoba dauerte volle 34 Stunden mit drei Stunden Pause in Kahama (in Tansania herrscht Nachtfahrverbot, trotz diesem Verbot kam unser Bus erst um 3 Uhr nachts an, obwohl er eigentlich um 22:00 Uhr ankommen sollte). In Bukoba angekommen, ging unsere Reise nochmals zwei Stunden mit dem Dalladalla, bis wir letztendlich ganz erschöpft in meinem Zuhause in Omurushaka ankamen. Dort wurden wir sehr freundlich von meinem Chef in Empfang genommen. Die nächsten Tage lernte meine Freundin die Umgebung und meine Freunde kennen. Markus war so freundlich und gab uns noch eine Führung durch die Trockenfruchtfabrik, in welcher er arbeitet.

Nach einigen Tagen bei mir daheim führte uns unsere Reise nun in drei Stunden von Omurushaka mit dem Dalla über Benako an die Grenze nach Ruanda. Glück, wie wir es öfters auf unseren Bus- bzw. Dalla-Fahrten hatten, gab es auch dieses mal. Wer von euch kann es erraten? Na klar, eine Panne! Zum Glück verging bei dieser Panne nicht ganz so viel Zeit, bis sie wieder behoben war. An der Grenze (tansanische Seite) angekommen, überquerten wir diese zu Fuß. Zwischen Tansania und Ruanda fließt der Kagera (ein Zufluss zum Nil, 900 km lang). Dieser stellt ein Grenzfluss dar und spielte auch während des ruandischen Genozids im Jahr 1994 eine große Rolle. In diesen Fluss wurden symbolisch viele zerstümmelte Tote zurück in Richtung Heimat geworfen, dazu in einem extra Beitrag aber noch mehr.

Auf der anderen Seite hatten wir keine Probleme, das Visum für Ruanda zu erhalten. Da standen wir nun also im „Land der tausend Hügel“. Ein Bus in Richtung Kigali, der Hauptstadt, war auch schnell gefunden und da ist uns auch schon der erste riesige Unterschied zu Tansania aufgefallen. Im Vergleich zu Tansania fahren die Busse in Ruanda nach Uhrzeit und nicht erst wenn der Bus gut gefüllt – besser gesagt überladen – ist. Zum Glück hatten wir von Markus noch Ruanda-Franc bekommen, sodass wir nicht gleich an der Grenze Geld wechseln lassen mussten. In Kigali angekommen, war es auch schon wieder dunkel und wir suchten uns ein einigermaßen sauberes Hotel, bevor wir uns aufmachten, die Stadt etwas zu besichtigen. Kigali gilt als sicherste Stadt in Afrikas und so wunderte es uns auch nicht, dass alle fünf Meter an der Straße ein Soldat mit Gewehr platziert war. Nach einer wieder einmal einer sehr kurzen Nacht machten wir uns dann auf einer sehr kurvigen aber landschaftlich beeindruckenden Strecke (grüne Hügel und Berge wo das Auge hinreicht) auf den Weg in den Westen Ruandas nach Kibuye, am Lake-Kivu gelegen. Diesen, wie sich später herausstellte, genialen Tipp hatten wir von meinem Regionalbetreuer Bastian erhalten. Durch den Lake-Kivu verläuft die Grenze der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda.

Unser Hotel war einfach der Hammer und man hatte sowohl von der Terrasse aus als auch von unserem Zimmer einen traumhaften Blick über den See und die grünen Hügel. Am nächsten Tag brachen wir mit vier anderen Gästen aus unserem Hotel zu einem kleinen Boostsausflug auf. Unser Ziel war eine kleine Insel im See:  Bat Island oder Napoleon Island. Von der Form erinnert die Insel an den Hut Napoleons und warum sie auch Bat Island (Fledermaus-Insel) heißt, sollten wir noch erfahren. Am Fuße der Insel bietet sie Tausenden von Fledermäusen eine Heimat. Wir konnten es alle kaum glauben, als unser Boot-Guide diese durch Klatschen und Rufen aus den Bäumen lockte und sie in Schwärmen über unsere Köpfe flogen!

Wir wanderten bis auf die Spitze der Insel hoch. Von dort hatte man einen unglaublichen Blick über den See, wie ihr auf folgenden Fotos sehen könnt:

An unserem letzten Morgen erwartete uns dann noch ein toller Sonnenaufgang, bevor wir nach dem Frühstück auf der Terrasse unseren Weg zurück nach Kigali antraten.

Gegen 12:00 Uhr am Mittag kamen wir in Kigali an. Aufgrund des Tipps meines Regionalbetreuers Bastian besuchten wir noch das Genocide Memorial Museum – ein Mahnmal sowie dazugehöriges Museum – welches uns die unfassbaren und grausamen Geschehnisse vor Augen führte, die sich vor gerade einmal 22 Jahren in Ruanda abspielten. Wir hatten das Thema ja in unserem Zwischenseminar schon behandelt und Filme dazu geschaut. Das Museum kann ich wirklich jedem zu Herzen legen, der Kigali besucht.

Gegen Nachmittag fuhren meine Freundin und ich dann mit dem Piki an den Flughafen, denn heute trat sie nach vier Wochen leider ihren Rückflug nach Deutschland an. Ich blieb noch eine Nacht in Kigali, lief am Nachmittag noch durch das Zentrum, ging Burger essen und schlief dann im gleichen Hotel wie vor unserer Fahrt an den Lake Kivu. Am nächsten Morgen machte ich mich wieder auf den Weg in Richtung Grenze und meiner Heimat Omurushaka, wo ich nach einer langen Fahrt und – Überraschung!! – mal wieder einer Panne – müde gegen Abend ankam. In Benako musste ich ganze 7 Stunden warten, bis das Dalla losfuhr… ach ja, und falls es noch jemanden interessiert, während der Fahrt hat sich noch einer aus dem Fenster gelehnt und sich übergeben. 😀

Nach mehr als einem Monat Reisen (ausgenommen den kleinen Zwischenstopp mit meiner Freundin bei mir daheim) war ich also wieder ganz Zuhause angekommen und es war wieder Arbeiten angesagt.

Es war echt ein großartiger Trip!! Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen!

Bis bald,
Raphael

Urlaub Teil 2

So, wie versprochen kommt heute Teil 2 von meiner Urlaubs-Triologie!

Nachdem ich wieder bei meinen Freunden war und wir noch eine Nacht in Moshi verbracht hatten, machten wir uns am nächsten Morgen auf den Weg nach Lushoto (7 Stunden Busfahrt). Als kleine Randnotiz: auf der Busfahrt wurden wir Zeuge davon, wie etwa 20 Ziegen einfach so in die untere Gebäckablage des Busses gestopft wurden (zur Info: es war an diesem Tag sehr, sehr warm und auf unserem Weg befanden sich enorm viele Schlaglöcher).

Lushoto liegt im Nordosten von Tansania inmitten der Usambara-Berge. Beim Stichwort Usambara-Berge macht es vielleicht bei einem von euch fleißigen Lesern Klick, denn genau dort hatte ich zu Beginn meines Freiwilligenjahres in Mlalo mein Einführungsseminar.

In Lushoto stand unter anderem eine Wandertour durch die Usambara-Berge auf dem Programm. Außerdem kauften wir uns Stoffe auf dem Markt, um uns daraus Klamotten schneidern zu lassen. Ein Highlight in Lushoto war der Besuch einer Schule (ca. 1000 Schüler und Schülerinnen). Die Direktorin war wahnsinnig freundlich, führte uns über das Gelände und stellte uns allen Lehrern – besser gesagt allen Lehrerinnen vor: an dieser Schule gibt es nämlich 28 Lehrerinnen und nur einen einzigen Lehrer.

Nach drei schönen Tagen in den Bergen ging es für uns in Richtung Daressalam an die Ostküste Tansanias, da wir von dort aus nach Sansibar übersetzen wollten. Sonst hätten wir in dieser stressigen Großstadt – über die ich euch ja auch schon berichtet habe, Stichwort „Überfall“ –  wohl eher keinen Zwischenstopp eingelegt. Wir machten uns also gut gelaunt auf den Weg zum Bus, zu diesem Zeitpunkt noch völlig ahnungslos, dass dies ein Tag zum Vergessen sein würde :D. Aber alles der Reihe nach. Die Busfahrt sollte laut Angaben nur 6 Stunden dauern (wie gesagt, sollte). Zu allererst hatte unser Bus nach etwa drei Stunden eine Panne, es gab Probleme mit den Bremsen -> Problembehebung: Sekundenkleber (!!!), um die Bremsschläuche zu kleben. Ihr könnt also vielleicht vorstellen, dass wir nach zwei weiteren Stunden immer noch mit dem gleichen Problem mitten im Nirgendwo standen. Dazu kam, dass im Bus nicht nur Menschen sondern auch etliche Kakerlaken untergebracht waren, welche beschlossen, mit uns Freundschaft zu schließen… Nach einer weiteren Stunde Warten beschlossen wir, einen vorbeifahrenden Bus anzuhalten und wechselten schließlich auch den Bus. Wir vier waren alle erleichtert und dachten: Super, in drei Stunden sind wir endlich angekommen. Doch weit gefehlt! Von unserem Standort aus dauerte die Fahrt noch weitere fünf Stunden, bevor wir voller Vorfreude Daressaalam erreichten. Nun konnte der Tag ja eigentlich nur noch besser werden, dachten wir zumindest zu diesem Zeitpunkt noch. Wir kamen also mit all unseren Sachen – ohne erfolgreichen Diebstahl (kleine Anmerkung: Wolfi wurde beim Verlassen eines Dallas ein (!) Schuh geklaut, den er circa 10 Minuten später für umgerechnet etwa 20 Cent wieder verkauft bekam :D)- im Hotel an und es gab sogar noch zwei verfügbare Doppelzimmer. Nach einem kleinen Imbiss wollten wir den Tag mit Cola und Konyagi (ein Gin, der mit dem Solgan „The Spirit of the Nation“ verkauft wird, unter anderem auch in 100ml Plastiksäckchen) auf unserem Balkon ausklingen lassen. So weit, so gut. Doch auf einmal fiel uns ein sich bewegender Schatten im Zimmer auf. Es war eine große Ratte, die durch einen Schacht im Bad in unser Zimmer hereinfand. Diese wurde schnell wieder verscheucht und die Badezimmertür fest verschlossen. Nach einem Blick unter das Bett kamen jedoch nochmal zwei weitere Ratten zum Vorschein, was uns einige Entsetzensschreie entlockte… Das Personal des Hotels war auch nicht sonderlich interessiert daran, uns nach einer freundlichen Bitte ein anderes Zimmer zu geben.

Was war die Lösung?

–> Na klar, FLIEHEN! Zum Glück gab es in Clara und Wolfis Zimmer – außer einigen undefinierbaren Gegenstände unter dem Bett – keine sichtbaren Ratten, was es uns ermöglichte, dort relativ beruhigt zu viert zu schlafen. Es war glücklicherweise ein sehr großes Bett!

 Nach diesem Tag und dieser Nacht war die Vorfreude auf Sansibar nochmal um ein Vielfaches höher. Wir nahmen am nächsten Tag die Fähre nach Sansibar Town und von dort ging unser Weg mit einem Taxi nach Jambiani. Jambiani ist ein Dorf, das an der Südostküste von Sansibar liegt, mit dem Taxi etwa eine Stunde von Stone Town. Die Sonne meinte es so gut mit uns,  dass wir alle sehr schnell eine rote Farbe bekamen (trotz Sonnencreme 50+). Das Highlight war ein dreistündiger Schnorchelausflug! Außerdem verbrachten wir noch drei Tage in einem tollen Bungalow direkt am Strand (siehe Fotos).

Nach drei Tagen Sonne, Strand, Meer und Erholung machten wir uns auf den Weg zurück nach Zanzibar City, um dort den historischen Stadtkern Stonetown noch für eine Nacht zu genießen. Zanzibar City ist Hauptstadt sowie Regierungssitz des halbautonomen Staates Sansibar.

Zum Abschluss wurden noch auf dem Markt Gewürze gekauft, bevor wir den Abend gemütlich auf der Dachterrasse unseres Hotels ausklingen ließen. Am nächsten Tag machten meine Freundin und ich uns auf den Weg in Richtung Hafen bzw. Karagwe (meiner Heimat) und wir verabschiedeten uns von Clara und Wolfi, die ihre Weltreise in Richtung Dubai fortsetzten.

Wir hatten eine super Zeit zu viert! Morgen folgt noch der letzte Teil meines großen Trips, der mich zusammen mit meiner Freundin noch zu mir nach Hause sowie nach Ruanda führte.

Euch allen noch einen schönen Tag,
Raphael

Urlaub Teil 1

Hallo meine Lieben,

ich habe euch nicht vergessen! Ich war die letzte Zeit auf Reisen und habe dabei leider keine Zeit für euch gefunden. Aber na klar, will ich auch nichts vorenthalten!

Mein Urlaub führte mich über Same, Arusha, Moshi und Karatu nach Lushoto. Von dort ging die Reise nach Sansibar, bevor es über Karagwe (meine Heimat) nach Kibyue, Ruanda an den wunderschönen Lake Kivu ging. Am Schluss ging es dann noch nach Kigali, der Hauptstadt Ruandas, bevor ich mich wieder auf den Weg nach Hause machte. Ihr merkt schon, der Bericht könnte etwas ausführlicher ausfallen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, drei Beiträge zu schreiben. Dass auch ja keiner nicht bis zum Schluss ließt… 😉

Dann fange ich mal an:

Am 11. Februar machte ich mich abends nach dem Arbeiten mit dem Dalladalla auf den Weg nach Bukoba am Victoriasee. Von dort ging es am nächsten Morgen um 6 Uhr mit einem Reisebus (trotzdem keine Garantie für bequemes Reisen) in Richtung Arusha. Dank kleinerer Pannen dauerte diese Fahrt stolze 19 Stunden!!! Und der „Stendi“ (Busbahnhof) in Arusha macht weder abends, noch zu keiner anderen Tageszeit Spaß… In Arusha bin ich freundlicherweise für eine Nacht bei einer Mitfreiwilligen untergekommen. Im Vergleich zu der Strecke von Bukoba nach Arusha war die Strecke von Arusha nach Same am nächsten Tag mit nur 5 Stunden ja schon fast ein Witz.

Same liegt im Nordosten von Tansania in der Kilimandscharo Region. Der ein oder andere von euch wird sich sicher fragen, was mich nach Same treibt. Ganz einfach, ich habe dort für ein Wochenende Arne, einen Mitfreiwilligen aus meiner Ausreisegruppe, besucht. Ihr erinnert euch vielleicht noch an den mehr oder weniger lustigen Schwabenwitz aus meinem Adventskalender… Genau dieser Witz war sein Beitrag. An diesem Wochenende haben wir zum größten Teil Bundesliga geschaut, mir wurde aber auch der große Markt dort gezeigt (der wirklich sehr groß war) sowie durch eine größere Piki-Rundfahrt die Region von Same.

Nach diesem entspannten Wochenende machte ich mich auf den Weg zum Kilimandscharo-Airport, um dort meine Freundin und noch zwei weitere Freunde abzuholen („FREU“). Die nächsten drei Tage verbrachten wir dann in Moshi und Arusha. Wir betrachteten den Kilimandscharo, machten den Markt von Moshi unsicher, kauften jede Menge Früchte, besichtigten unfassbar riesige, relativ neu gebaute, leer stehende (!!) Einkaufscentren (es war hierbei kein Problem, bis auf das Dach hinauf zu gelangen…) und Wolfi half sogar beim Streichen eines Hotels, na klar auch auf dem Dach versteht sich – siehe Fotos.

Nach diesen drei Tagen machte ich mich dann auf den Weg nach Karatu zu meinem Zwischenseminar, während meine Freundin sowie Clara und Wolfi von Arusha aus zu einer Safari aufbrachen.

Karatu liegt ca. zwei Stunden nordwestlich von Arusha an der Zufahrt zum weltberühmten Ngorongoro-Krater. Dort waren wir für fünf Übernachtungen auf einem sehr schönen Gelände untergebracht. Das Seminar befasste sich mit verschiedenen Thematiken, beispielsweise wie sich jeder in seinem Projekt zu Recht findet oder wie sich jeder eingelebt hat. Es wurden aber auch andere Thematiken behandelt, die wir Freiwilligen selbst aussuchen durften (unter anderem aktuelle Themen über die Politik, Ruanda, Burundi, etc.). In den Pausen wurde dann die Zeit dafür genutzt, den Tischkicker zu belagern oder gemeinsam Filme zu schauen (die Filme hatten hierbei immer einen bestimmten Hintergrund wie beispielsweise den Genozid in Ruanda).

Nach meinem Seminar machte ich mich dann auf den Weg nach Moshi, um dort wieder freudig meinen Besuch zu empfangen :-). Zum Abschuss des ersten Teils  jetzt noch ein kleiner Leckerbissen fürs Auge von der Safari meiner Freunde!

Bald folgt dann auch schon der zweite Teil meines Berichts.

Bis bald,
Raphael

Neues Jahr…

Hallo Ihr Lieben,

wieder ist sehr viel Zeit verstrichen bis zu meinem Eintrag. Das tut mir leid, ich hatte in letzter Zeit sehr mit täglichen Stromausfällen und dem Internet kämpfen. Heute möchte ich Euch einen kurzen Überblick über meine Erlebnisse im neuen Jahr 2016 sowie noch einen Einblick in meinen Urlaub Ende des Jahres 2015 geben.Dann fange ich mal an 🙂

Nachdem sich die letzten Freiwilligen nach Weihnachten wieder auf den Heimweg gemacht haben, startete ich meine Reise in Richtung Kigoma bzw. Tanganjikasee. Jetzt fragt Ihr euch bestimmt: Kigoma und Tanganjikasee? ALSO: Kigoma (nach Lonely Planet ein „heruntergekommenes, aber sehr freundliches Städtchen“) ist eine Distrikthauptstadt und liegt im Westen von Tansania, direkt am Tanganjikasee. Der Westen Tansanias ist ein raues Grenzland mit wenigen Touristen, der Tanganjikasee ist der längste und tiefste See der Welt und bezogen auf das Wasservolumen der zweitgrößte See der Erde. Dies mal zu den Fakten.

Zusammen mit Lotte und Markus machte ich mich mit dem DallaDalla auf den Weg in Richtung Nyankanazi, um dort in einen Reisebus umzusteigen. Doch leider dauerte unsere Fahrt etwas länger als geplant (wie es bei allem eigentlich üblich ist hier in Tansania), deshalb durften wir uns ein kleines gemütliches Guesthouse in Nyankanazi suchen, um dort zu nächtigen. Gut ausgeschläfen ging unsere Fahrt dann am nächsten Tag weiter. In Kigoma angekommen wurden wir vom Sohn meines Nachbarn, der eigentlich der Sohn eines Freundes meines Nachbarn ist (!!??), abgeholt. Gastfreundlich, wie es alle Tansanier sind, wurden wir auch sofort zum Schlafen bei ihm eingeladen. Nach einer sehr ausführlichen Stadtführung mit Besichtigung eines Museums (Livingstone Memorial Museum: bis auf eine kleine Ausstellung über Sklavenhandel und einer Nachstellung der Begegnung des Reisejournalisten Henry Morton Stanley und dem verschollenen berühmten Forscher Dr. Livingstone war leider nicht viel zu sehen), der Besichtigung eines bekannten Nobelhotels Kigomas und dem Besuch eines der ältesten Märkte Tansanias machten wir uns auf dem Weg zum einen Strand, um endlich ins Wasser springen zu können. Für den Abend hatten wir uns dann noch ein schöne Übernachtungsmöglichkeit direkt am Strand gesucht. Die restlichen Tagen verbrachten wir dann überwiegend am Strand, um die Möglichkeit, schwimmen zu gehen, voll auszunutzen (der Tanganjiasee enthält im Gegensatz zum Victoriasee keine Bilharzioseerreger). Noch erwähnenswert ist unser Zusammentreffen mit diebischen Affen, die uns bei unserem Sonnenbad störten. An Silvester haben wir uns dann auf die Suche nach einer Party gemacht und wurden neben unserem Hotel gleich fündig. Hier spielte eine Live-Band, was in Tansania sehr selten ist. Den ganzen Abend über war es sehr ruhig, doch kurz vor Mitternacht kam auf einmal Schwung rein und alle machten sich auf den Weg zur Tanzfläche, um pünktlich zum neuen Jahr mit dem vollen Bier in der Hand auszuflippen. Am nächsten Tag machten wir uns dann sehr früh (5 Uhr, dies bedeutete sehr wenig Schlaf in dieser Nacht) wieder auf den Heimweg.

Am 4. Januar war dann wieder Arbeit angesagt. Ich habe meine Arbeitskollegen oft ins Feld begleitet und durfte jede Menge Laptops reparieren. Bis auf den ein oder anderen Clubbesuch oder Ausflug nach Bukoba war es im Januar nicht ganz so spektakulär, wie es im Februar sein wird. Im Februar steht mein Zwischenseminar in Karatu (in der Nähe von Arusha) sowie der Besuch von meiner Freundin und zwei weiteren Freunden an. Juhu!! Auch davon werde ich dann euch natürlich berichten!

Bis bald!
Euer Raphael